Warum KI-Projekte scheitern und warum es nicht an der Technologie liegt
Ein Gespräch mit Patrick Hackenberger zu Führung, Haltung und dem Umgang mit Skepsis
Nach seinem BWL-Studium und MBA startete Patrick seine Karriere bei einem großen Discounter, bevor ihn sein Weg in die Wirtschaftsprüfung und Unternehmensberatung führte.
Seit 2004 ist er im Daimler Konzern tätig und hat in dieser Zeit nationale wie internationale kaufmännische Führungsverantwortung übernommen. Mit knapp 30 Jahren Berufserfahrung verbindet er tiefes Finanz-Know-how mit einem ausgeprägten Verständnis für organisationale Transformation.
Neben seiner beruflichen Verantwortung beschäftigt er sich intensiv mit den Themen AI Strategy und digitale Transformation. Als Absolvent des DBU-Zertifikatslehrgangs AI Leadership ist Patrick seit diesem Jahr auch Dozent an der Digital Business University.
Im Modul “Arbeiten 4.0 & Applied AI” des Bachelors in Digital Business Management vermittelt er praxisnah wie Künstliche Intelligenz die Arbeitswelt verändert und Unternehmen dabei unterstützt zukunftsfähig zu bleiben.
DBU: Patrick, du verfügst über viele Jahre internationaler Führungs-und Managementerfahrung. Was hat sich aus deiner Sicht durch die Verfügbarkeit Künstlicher Intelligenz grundlegend verändert?
Patrick: KI hat aus meiner Sicht vor allem die Art verändert wie wir mit Informationen umgehen. Früher war der Zugang zu Wissen ein Wettbewerbsvorteil. Heute ist es die Fähigkeit, aus einer Fülle von Informationen schnell die richtigen Schlüsse zu ziehen. KI beschleunigt diesen Prozess dramatisch.
Was mich besonders fasziniert: Zum ersten Mal haben wir ein Werkzeug, das nicht nur ausführt, sondern versteht. Ein Werkzeug, das kommuniziert, strukturiert und mitdenkt. Das ist ein qualitativer Sprung, der alle vorherigen Technologiewellen übertrifft.
Wer diese Verschiebung versteht und aktiv gestaltet, hat einen entscheidenden Vorteil.
DBU: Als kaufmännische Führungskraft bewegst du dich in einem Umfeld, das von technologischem Wandel geprägt ist. Wie gehst du mit technologischer Disruption um? In welchen Bereichen nimmst du die größten Veränderungen wahr und welche Chancen beziehungsweise Herausforderungen ergeben sich daraus?
Patrick: Ich erlebe technologische Disruption in der gesamten Breite meines Verantwortungsbereichs — und der ist größer als viele denken. Das reicht vom klassischen Finanzbereich über angrenzende kaufmännische Funktionen bis hin zu Bereichen, die man auf den ersten Blick nicht mit Finance verbindet.
Überall dort verändert KI wie wir Prozesse steuern, Entscheidungen treffen und Ressourcen einsetzen. Die Breite dieser Veränderungen hat mich selbst überrascht.
Die Herausforderung ist eine andere: Wenn Technologie schneller wird als die Organisation sie aufnehmen kann entsteht Reibung. Meine Überzeugung ist deshalb: Technologische Disruption ist immer auch eine Führungsaufgabe. Die Frage ist nicht ob man sich verändert, sondern wie schnell und mit welcher Haltung.
DBU: Nicht alle Mitarbeitenden stehen neuen Technologien und insbesondere KI von Beginn an offen gegenüber. Wie gelingt es dir, Menschen auf diesem Weg mitzunehmen und mögliche Vorbehalte abzubauen?
Patrick: Das Wichtigste was ich gelernt habe: Menschen verändern ihre Haltung nicht durch Argumente, sondern durch Erlebnisse.
Deshalb beginne ich immer mit der Frage: Was ist der konkrete Schmerzpunkt dieser Person? Was kostet sie täglich Zeit ohne Mehrwert zu schaffen?
Wenn ich dort ansetze und zeige dass KI genau diesen Punkt adressiert entsteht aus Skepsis Neugier und aus Neugier Begeisterung.
Ich habe in meinem eigenen Bereich bewusst mit den größten Skeptikern angefangen, nicht mit den ohnehin Begeisterten. Wenn ein Skeptiker zum Überzeugten wird hat das eine Signalwirkung die keine Top-down Kommunikation ersetzen kann.
Und das Wichtigste: Als Führungskraft muss man selbst vorangehen. Haltung ist ansteckend — in beide Richtungen.
DBU: Du hast selbst den DBU-Zertifikatslehrgang AI Leadership absolviert. Was hat dich damals dazu motiviert, an diesem Programm teilzunehmen, und wie bist du darauf aufmerksam geworden?
Patrick: Der Auslöser war ehrlich gesagt ein persönlicher Moment Ende 2022. Ich saß abends vor meinem Laptop und habe zum ersten Mal ernsthaft mit ChatGPT gearbeitet. In diesem Moment war mir klar: Das verändert alles, auch meinen eigenen Bereich. Ich hatte bereits erste praktische Erfahrungen aber ich wollte einen strukturierten Rahmen um KI nicht nur zu nutzen sondern wirklich zu gestalten.
Auf den DBU AI Leadership Lehrgang bin ich durch eigene Recherche aufmerksam geworden. Auch KI selbst war Teil der Entscheidung, was ich im Nachhinein sehr passend finde. Der Kurs hat mir genau das gegeben was ich gesucht habe: ein solides Grundverständnis von KI-Technologien, konkrete Methoden und Frameworks die ich direkt anwenden konnte, wissenschaftliche Hintergründe die meine praktischen Erfahrungen eingeordnet haben — und vor allem ein tiefes Verständnis dafür wie Transformation wirklich funktioniert.
Das Netzwerk aus Kursteilnehmenden, die ähnliche Fragen haben, war für mich ein zusätzlicher und bleibender Mehrwert.
DBU: Gab es während des Lehrgangs einen besonderen Aha-Moment? Welche Methoden, Frameworks oder Tools konntest du direkt in deinen beruflichen Alltag übertragen?
Patrick: Ja, und er war überraschend simpel. Der Moment war als wir uns intensiv mit der Frage beschäftigt haben warum KI-Projekte scheitern. Die Antwort war nicht Technologie — es war Kultur und Führung.
McKinsey bringt das in ihrer Studie AI in the Workplace 2025 auf den Punkt: “The biggest barrier to success is leadership.” Dieser Satz hat sich bei mir festgesetzt, weil er exakt das beschreibt, was ich selbst erlebt habe.
Direkt in meinen Alltag übertragen habe ich vor allem konkrete Methoden zur Bewertung und Priorisierung von KI-Use-Cases. Einfache aber sehr wirkungsvolle Werkzeuge. Und das Thema, wie man Menschen durch Transformation begleitet. Das hat meine Arbeit mit meinem Team nachhaltig verändert.
DBU: Heute gibst du dein Wissen selbst als Dozent weiter. Wie kam es dazu, dass du neben deiner anspruchsvollen Vollzeitposition auch noch das Modul Arbeiten 4.0 & Applied AI an der DBU übernommen hast?
Patrick: Das war keine geplante Entscheidung, es war eine Einladung, die zum richtigen Zeitpunkt kam. Meine erste Reaktion war ehrlich gesagt Zurückhaltung. Neben einer anspruchsvollen Vollzeitposition noch zu lehren ist nicht trivial.
Aber dann habe ich realisiert, dass diese Möglichkeit genau mein Anspruch ist: Als Praktiker nicht nur Theorie zu vermitteln, sondern echte Erfahrungen zu teilen.
Und ich glaube dass die nächste Generation von Führungskräften von Anfang an eine klarere Haltung zu KI entwickeln kann als viele von uns sie hatten. Dazu beizutragen, das ist mein persönlicher Antrieb.
DBU: Was begeistert dich an dieser Rolle besonders? Welche Aspekte der
Zusammenarbeit mit den Teilnehmenden bereiten dir am meisten Freude?
Patrick: Am meisten begeistert mich der Moment wenn ich sehe wie sich etwas verändert. Wenn aus einer abstrakten Diskussion über KI plötzlich eine konkrete Idee wird die jemand in seinen eigenen Alltag übersetzen kann. Meine Studierenden sind berufstätige Professionals, sie bringen echte Fragestellungen mit. Das macht die Zusammenarbeit unglaublich lebendig.
Ich lerne in jedem Modul selbst etwas Neues. Und es gibt mir Energie zu sehen, wie Menschen, die anfangs skeptisch waren, am Ende mit Begeisterung über KI-Projekte nachdenken die sie selbst umsetzen wollen. Genau diese Haltungsveränderung ist für mich der schönste Moment.
DBU: Viele Unternehmen stehen aktuell vor der Herausforderung, KI sinnvoll in ihre Organisation zu integrieren. Welchen Rat würdest du anderen Führungskräften im Finanzbereich aus deiner eigenen Erfahrung mit auf den Weg geben?
Patrick: Drei Dinge aus eigener Erfahrung:
- Wartet nicht auf den richtigen Moment, fangt lieber heute als morgen an. Aber geht es mit einer klaren Zielsetzung an. Was soll konkret erreicht werden? Welchen Mehrwert soll KI in eurem Bereich schaffen? Wer diese Frage nicht beantwortet hat bevor er startet verliert sich schnell in Experimenten ohne Wirkung.
- Beantwortet den Purpose — nicht nur das Was sondern das Warum. Menschen verändern sich nicht weil jemand sagt sie sollen es tun. Sie verändern sich wenn sie den Sinn dahinter wirklich verstanden haben. Erst wenn der Purpose klar ist entsteht echte und nachhaltige Veränderung.
- Und das ist vielleicht das Wichtigste: Zeigt Haltung. KI ist kein IT-Thema, das man delegieren kann. Es ist eine Führungsaufgabe. Wer das versteht und vorangeht hat einen entscheidenden Vorteil.
DBU: Als kaufmännische Führungskraft hast du den Anspruch deinen Bereich kontinuierlich
weiterzuentwickeln. Welche Rolle spielt KI dabei und was verändert sich dadurch für dein Team?
Patrick: KI hilft mir in der gesamten Breite meines Verantwortungsbereichs — und das geht weit über das klassische Finanzthema hinaus.
Der eigentliche Wert liegt für mich aber woanders: Wenn Aufgaben schneller und zuverlässiger erledigt werden entsteht Freiraum für das was wirklich zählt — die Interpretation von Zahlen, die Beratung von Entscheidungsträgern und die strategische Weiterentwicklung des Bereichs. KI ist für mich kein Selbstzweck — sondern ein Werkzeug, das Menschen freisetzt damit sie sich auf das konzentrieren können, was wirklich Wirkung hat.
DBU: Vielen lieben Dank Patrick, dass du deine Eindrücke und Erfahrungen aus deinem Alltag als erfahrene Führungspersönlichkeit und dem Lehrgang AI Leadership mit uns geteilt hast. Wir wünschen dir weiterhin viel Freude an deiner Arbeit und dabei, dein Wissen nun auch systematisch weiterzugeben!